Mardin – Wir besuchen Mesopotamien

Okt 19

Mardin in der Osttürkei
Hallo Lässige(r),

Provoziert durch das Verhalten der türkischen Regierung im Syrien-Konflikt steht der Osten der Türkei fast wieder vor einem Bürgerkrieg. Das Auswärtige Amt veröffentlichte letzte Woche Reisewarnungen für die Region.

In mehreren kurdischen Provinzen gelten Ausganssperren. In Diyarbakir geht das Militär seit einigen Tagen gegen Demonstranten vor. Es gibt Verletzte und Tote auf beiden Seiten.

Noch vor einem Monat besuchte ich mit meiner Frau und unserem Sohn diese Region. Damals war alles noch ruhig und friedlich. Ich hoffen es wird bald wieder so sein!

Mein Urlaub in Kurdistan und der Türkei

Über meinen Türkei-Urlaub gibt es viel zu erzählen. Es ist so viel, dass nicht alles in einen Blogartikel passt. Aus diesem Grund habe ich eine ganze Artikelserie geschrieben:

  1. Die Türkei, ein riesiges Land voller Gegensätze
  2. Unser Besuch in Kurdistan – Diyarbakir
  3. Unser Besuch in Kurdistan – Mardin (dieser Teil)
  4. Antalya – ein krasser Gegensatz zum Osten
  5. Ein Ausflug in die Antike

Und nun viel Spaß mit meinem Reisebericht über die Stadt Mardin.

Unser Besuch in Mardin

Mit Mardin verbinde ich persönlich zwei Erinnerungen. Erstens die Gastfreundlichkeit der Kurden und zweitens den schlimmsten Durchfall meines Lebens.

Die Details zum zweiten Teil möchte ich Dir ersparen. Nur soviel: Ich danke Gott für die Erfindung der Kohletablette.

Wieso wir Mardin überhaupt besuchten

Mein Schwager ist Kurde. Wir besuchten meine Schwägerin und ihn in Diyarbakir. Kurden legen viel Wert auf Familie. Mehr als die meisten Deutschen.

Gerade bei den Kurden ist die Familien auch Teil der sozialen Absicherung. Die Türkei hat nicht so ein soziales Sicherungssystem wie Deutschland. Oder besser gesagt, wie es Deutschland noch hat. Der Kurde trägt mehr Verantwortung gegenüber seiner Familien. Das schweißt zusammen.

Ein Teil der Familie meines Schwagers wohnt in Mardin. So kam es also, dass wir die Familie dort besuchten und kennen lernen durften.

Mardin – eine riesige Baustelle in karger Landschaft

Mit einem Dolmusch, eine Mischung aus türkischem Überlandbus und Taxi, fuhren wir die 90 Kilometer von Dyabarkir nach Mardin. Die Landschaft ist hügelig und karg. Wir fuhren vorbei an vereinzelten kleinen Dörfern, Militärstützpunkten und einem Zeltlager – ich vermute für syrische Flüchtlinge, kann es aber nicht genau sagen.

Dolmusch nach Mardin

Im Dolmusch fuhren wir nach Mardin.

Nach 90 Minuten erreichten wir zur Mittagsstunde völlig durchschwitzt unser Ziel. Die Stadt liegt etwa 20 Km nördlich der syrischen Grenze. Und auch bis in den Irak sind es von hier aus nur noch 100 km. Anders gesagt, Mardin liegt mitten in Mesopotamien.

Mardin ist die Hauptstadt der gleichnamigen türkischen Provinz. Die meisten Türken dort sind Militärs. Die Zivilbevölkerung ist hauptsächlich kurdisch. Daneben leben dort noch Araber und eine aramäische Minderheit. Zusammen macht das etwa 80.000 Einwohner. Tendenz stark steigend.

Kurdische Landschaft

Eindrücke aus der Provinz Mardin. Die Landschaft ist hügelig und karg.

Das nördliche Randgebiet ist die größte Baustelle, die ich je gesehen habe. Kräne und Baustellen wohin das Auge blickt. Nur die Bauarbeiter hatten sich alle ziemlich gut versteckt.

Kurdische Traditionen

In der Stadt angekommen besuchten wir die Schwester meines Schwagers und ihren Mann. Wenn Du jetzt mit den verwandschaftlichen Beziehungen durcheinander kommst, gehörst Du wahrscheinlich zu dem Teil der Deutschen, die mit familiären Banden nicht mehr allzu viel zu tun haben 😉

Die beiden arbeiten als Lehrer. Sie erzählten uns, dass ihre kurdische Sprache und ihre kurdischen Traditionen noch vor ein paar Jahrzehnten von der türkischen Regierung streng verboten waren.

Auf der Straße durfte damals kein Kurdisch gesprochen werden. Es drohte sogar Haft. Das Problem an der Sache: Gerade ältere Menschen in dieser Region sprechen gar kein Türkisch. Sie können nur Kurdisch.

Als Bildungssprache war Kurdisch lange Zeit undenkbar. Erst jetzt, im Zuge der Beitrittsverhandlungen mit der EU, darf Kurdisch in den Schulen wieder fakultativ gelehrt werden.

Stadtrundgang

Nachdem wir von unseren Gastgebern sehr freundlich begrüßt wurden, schauten wir uns zusammen die Stadt an.

Der Name Mardin ist vom syrischen Wort Merde abgeleitet. Das bedeutet so viel wie Burg. Zwar habe ich keine Burg gesehen, doch die Altstadt liegt am alten Burghügel. Irgendwie scheint es also doch einen Zusammenhang zu geben. Den Burghügel betraten wir allerdings nicht. Er ist militärisches Sperrgebiet.

Auf der anderen Seite der Altstadt hast Du einen super Blick auf die mesopotamische Ebene, die hier beginnt.

Die Mesopotamische Ebene

Blick auf die Mesopotamische Ebene

Als wir uns die Altstadt näher ansahen, fanden wir viele kleine Gässchen, in denen sehr alte Häuser stehen. An einem Haus wurden wir von einem Jugendlichen angesprochen.

Mardin Altstadt

In der Altstadt findest Du viele kleine Gässchen.

Nach einem kurzen Smaltalk lud er uns ein, sein Haus näher anzusehen. Hinter einer alten Steinmauer versteckte sich ein kleiner Innenhof. Das Haus war über 300 Jahre alt. Er zeigte uns den Innenhof und die Wohnräume. Ein altes Mütterchen saß in der Küche. Auch sie freute sich über unseren kurzen Besuch.

Ich war von dieser Offenheit wirklich beeindruckt; schließlich waren wir wildfremde Leute. Stelle sich das mal einer in Deutschland vor.

Innenhof

Ein Blick in den Innenhof des alten Hauses.

Danach besuchten wir eine alte Kirche. Sie gehört einer syrisch-orthodoxen Gemeinde. Auch dort bekamen wir spontan eine kleine Führung mit ausführlichen Vorträgen. Der Hausherr erzählte über die Kirche, über Bilder die an den Wänden hingen und auch über ihren Glauben und über eine kleine alte Orgel.

In altdeutscher Schrift stand an der Orgel: „Friedrich Wilhelm aus Gera 1853“ – oder so ähnlich. Das hat mich natürlich gefreut. Da fliegst Du tausende von Kilometern und triffst auf eine alte Orgel aus der thüringischen Heimat. Ok, Gera ist ja eigentlich schon mehr Sachsen als Thüringen, aber das ist eine andere Debatte.

Weshalb der Gast nicht zahlen darf

Nun schauten wir uns noch den Basar an und tranken einen Tee. Unsere neuen kurdischen Freunde machten uns Geschenke, zahlten den Tee und auch sonst alles.

Für mich war das schon ein wenig unangenehm, aber ich durfte einfach nicht zahlen. Bei den Kurden zahlt der Gastgeber. Alles andere gilt als nicht gastfreundlich. Da kannst Du auch diskutieren wie Du willst – Du wirst eingeladen. Punkt.

Mardin Teepause

Teepause in einem kleinen Café

Am Abend besuchten wir dann noch einen Onkel meines Schwagers samt Familie. Auch hier zeigte sich wieder die kurdische Gastfreundlichkeit. Wir redeten bis lange in die Nacht und blieben noch bis zum nächsten Tag. Wir wurden mit tollen Speisen bewirtet und durften die Familie natürlich nicht ohne Geschenk wieder verlassen.

Anschließend fuhren wir wieder zurück nach Dyarbakir. Die Zeit reichte gerade so von einer Toilettenpause zur nächsten. Aber diesen Teil der Geschichte wollte ich Dir ja ersparen.

Liebe Freunde in Mardin, ich hoffe es geht Euch gut.

Beste Grüße,
dombim

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