Diyarbakir – Im wilden Kurdistan

Okt 09

Aus aktuellem Anlass

Während ich dies Zeilen schreibe, tobt die Schlacht um die syrische Stadt Kobane. Kobane liegt unmittelbar an der türkischen Grenze. Während die Kurden auf der einen Seite gegen eine Übermacht der IS-Miliz kämpfen, steht die türkischen Armee mit ihren Panzern auf der anderen Seite und schaut tatenlos zu.

Der Westen war wie so oft reich mit Versprechungen für die Kurden. Allein die Taten fehlen.

Ban Ki Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, ruft die Weltgemeinschaft zum Schutz der Zivilbevölkerung auf. Seine Rufe scheinen irgendwo im Grenzland zwischen Syrien und der Türkei zu verstummen.

Die Türkei, immerhin mit den zweitgrößten Streitkräften in der NATO, mag nicht wirklich eingreifen. Vielleicht aus Angst vor Vergeltungsschlägen. Vielleicht, weil sie dadurch indirekt Baschar al-Assad in Syrien unterstützen würde, der ebenfalls gegen die IS-Milizen vorgeht. Vielleicht aber auch, weil sie dann die syrisch-kurdischen Kräfte stärken würde, die mit der gehassten PKK sympathisieren.

Was bleibt ist Frust und Enttäuschung bei den Kurden. Dieser Frust entlud sich vergangene Nacht in Ausschreitungen in Diyarbakir und in Mardin. In Diyarbakir gab es mindestens fünf, in Mardin mindestens drei Tote. Also in den beiden Städten, die ich noch vor einem Monat besucht habe und über die ich hier schreiben möchte.

Die Kurdenfrage ist nicht einfach zu lösen. Der Kurde ist in erster Linie Kurde und nicht Türke, Syrer oder Iraker. So lange die Welt dies nicht akzeptieren will, wird es in dieser Region keine Ruhe geben.

Ich hoffe aus tiefem Herzen, dass dieser Wahnsinn bald ein Ende hat und die Kurden wieder in Frieden leben können.

Und jetzt wünsche ich Dir viel Spaß mit meinem Urlaubsbericht.

Willkommen in Diyarbakir
Hallo Lässige(r),

Urlaub fetzt. Da kann man was erleben.

Ich verbrachte meinen Jahresurlaub 2014 in der Türkei. Zusammen mit meiner Familie. Und es gibt eine Menge zu erzählen. Es ist so viel, dass ich hier, auf meinem Blog, eine kleine Artikelserie dazu geschrieben habe.

  1. Die Türkei als Land der Gegensätze
  2. Diyarbakir – Im wilden Kurdistan
  3. Mardin in Mesopotamien
  4. Antalya, die reiche Touristenstadt am Mittelmeer
  5. Ein Ausflug in die Zeit der Griechen und Römer

Heute geht es also um den zweiten Teil, um Diyarbakir. Der leider verstorbene Peter Scholl Latour nannte sie in seinem letzten Buch Der Fluch der bösen Tat auch die heimliche Hauptstadt der PKK.

Aber ganz ehrlich, ich habe in Diyarbakir weder Terroristen noch Touristen gesehen. Was ich gesehen habe, waren sehr nette Menschen, die Kurden.

Der Kurde

Ich mag den Kurden. Zugegeben: Er guckt manchmal ein wenig grimmig. Aber so wie ich ihn kennen gelernt habe, ist er sehr nett, gastfreundlich, redet gerne mit dir und hat keine Berührungsängste.

Ach ja – und der Kurde ist nicht türkisch und sehr stolz darauf. Mesut Özil sagte 2010 in einem ZDF Interview: „Ich bin Kurde kein Türke und ich bin stolz darauf ein Kurde zu sein“.

Geschichte

Bereits hier in Diyarbakir beginnt das berühmte Mesopotamien. Wenn Du im Geschichtsunterricht aufgepasst hast, dann weißt Du, dass es in Mesopotamien die ersten Hochkulturen unserer Zivilisation gab.

Das wiederum bedeutet, die Geschichte von Diyarbakir und der Umgebung ist verdammt alt.

In diesem Gebiet gibt es Höhlen, in denen menschliche Spuren aus der Altsteinzeit und der Jungsteinzeit gefunden wurden. Das war die Zeit, wo der Homo Sapiens noch mit dem Neandertaler kämpfte.

Stadtmauer mit Wachturm

Die alte Stadtmauer hat schon ein paar Jahrtausende auf dem Buckel. Sie wird notdürftig ausgebessert und ist begehbar.

Diyarbakir selbst gibt es ungefähr seit 5.000 Jahren. Zum Vergleich: Leipzig wird nächstes Jahr gerade mal 1.000 Jahre alt.

Die ersten Herren der Stadt waren die Hurriter und deren verbündeter Staat Mittani. Danach folgten die Assyrer, das Aramäische Königreich Bet Zamani, das Urartäische Reich, das Skythische Reich, das Medische Reich, das Achämenidenreich (auch Altpersisches Reich genannt), das Mazedonische Reich, das Seleukidenreich, das Partherreich, das Armenische Reich, das Römische Reich, das Sassanidenreich, das Byzantinische Reich, das Umayyaden Kalifat, das Abbasiden Kalifat, das Seyhogullarireich (oder so ähnlich – findest Du nicht einmal in Wikipedia), die Dynastie der Hamdaniden, die Dynastie der Marwaniden, die Seldschuken, das Fürstentum Beylik, die Dynastie der Ortoqiden, die Dynastie der Ayyubiden, der Mongolen, der Ak Koyunlu Stammesföderation, das Safawiden und das Osmanische Reich.

Zum Vergleich dazu wieder das sächsische Leipzig: In der 1.000 jährigen Geschichte der Stadt herrschten hier lediglich die Wettiner, die SED sowie die CDU mit einem SPD Bürgermeister.

Stadtrundgang

Die Stadt hat viel zu bieten. Schaue Dir einfach ein paar Bilder an. Nähere Infos findest Du unter den Bildern.

Minarett in Diyarbakir

Die meisten Menschen sind Muslime, somit gehören auch Minarette zum typischen Bild von Diyarbakir.

Armenisch-Orthodoxe Kirche

Der Vorgängerbau der Armenisch-Orthodoxen Kirche von Diyabarkir stammt aus dem 16. Jahrhundert. 1827 und 1880 wurden große Teile durch ein Feuer zerstört. Danach wurde die Kirche wieder aufgebaut. Zur Zeit des ersten Weltkrieges diente sie als Hauptquartier der Deutschen Armee in der Region. Danach wurde sie vom türkischen Militär genutzt. Seit ein paar Jahren dient sie wieder als Kirche für die Armenische Gemeinde.

Dengbej-Sänger

Im Dengbej-Haus triffst Du auf die traditionellen, kurdischen Volksliedsänger, die Dengbejs. Ohne Instrumente und in einer Mischung aus Erzählung und Gesang tragen diese Barden ihre alten Geschichten vor.

Hasanpasa die alte Karawanserei

Hasanpasa, eine alte Karawanerei ist heute ein beliebtes Café mit vielen kleinen Läden. Der Gebäudekomplex ist schon mehrere Jahrhunderte alt.

Teepause Stadtrundgang

Überall wirst Du in Diyarbakir zum Tee eingeladen oder findest ein Café um einen Tee zu trinken – so wie wir hier bei unserem Rundgang auf der alten Stadtmauer.

Diyarbakir Außenbezirke

Von der Stadtmauer aus hast Du einen guten Überblick. Hier siehst Du ein ärmeres Viertel außerhalb der Mauer und im Hintergrund moderne Neubauten.

Diyarbakir Sonnenuntergang

Unser Rundgang ist zu Ende und wir genießen den Sonnenuntergang – immer noch auf der alten Stadtmauer.

Wildes Kurdistan

Spätestens seit Karl May hören wir Deutschen immer wieder vom wilden Kurdistan. Als der türkische Staat noch gegen die PKK kämpfte, war das auch tatsächlich so. Und wahrscheinlich haben auch beide Seiten diesen Ruf noch verstärkt.

Doch ist das wirklich noch so?

Zumindest scheint der türkische Staat noch eine gute Portion Angst vor den wilden „Bergtürken“, wie sie der Staatsgründer Attatürk einst nannte, zu haben. Anders lassen sich die vielen gepanzerten Polizeiwagen in der Stadt und die mit Sicherheitsdraht abgeschotteten Militärviertel kaum erklären.

Echten Nervenkitzel kann man bei den Auto- und Busfahrten in der Region erleben. Die Fahrweise der Kurden ist wirklich wild. Glaube mir, Italien ist ein Pups dagegen. Natürlich alles ohne Gurt und Kindersitz. Es gibt wirklich kein Taxi und keinen Bus ohne Riss oder Steinschlag in der Windschutzscheibe.

Ich habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, eine Carglass Filiale dort zu errichten. Nach reiflicher Überlegung kam mir dann aber der Gedanke, dass die Taxifahrer ihre Scheiben gar nicht reparieren wollen. Hat ja auch keinen Sinn, wenn morgen schon der nächste Steinschlag grüßt.

Was auch ein wenig wild anmutet, ist die karge Landschaft um Diyarbakir. Früher, so wurde mir berichtet, gab es hier viel Wald. Dann wurde es der Landwirtschaft wegen abgeholzt. Die noch übrig gebliebenen Wälder brannten im letzten Jahrhundert ab, als die Türkische Regierung versuchte, die PKK aus den Wäldern zu treiben.

Da haben wir es dann doch wieder, das wilde Kurdistan. Oder besser: die wilden Zeiten Kurdistans. Hoffen wir alle, das zu diesen wilden Zeiten kein neues Kapitel hinzu kommt.

In diesem Sinne, Beste und vor allem friedliche Grüße,
dombim

Frieden

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