Wie ich das Schweizer Geheimnis ums Schwingen lüftete

Jun 14

Pfannenstiel im Zürcher Oberland

Jährlicher Besuch im Zürcher Oberland

Hallo Lässige(r),

wenn Du regelmäßig meine Kurzgeschichten hier im Blog verfolgst, dann weißt Du, dass ich einmal im Jahr in die Schweiz reise und mit neuen Geschichten wieder zurück komme.

In der Schweiz besuche ich immer einen guten Freund. Er wohnt im Zürcher Oberland.

Am ersten Abend, gleich nach meiner Ankunft, stoßen wir traditionell auf unsere Freundschaft an. Dabei stoßen wir bis tief in die Nacht vor.

An den nächsten Tagen erkunden wir gemeinsam das Zürcher Oberland.

Dieses Jahr machten wir uns auf, ein uraltes Schweizer Geheimnis zu lüften.

Die Schweizer, ein Volk voller Geheimnisse

Die Schweiz wird in der ganzen Welt beneidet. Alle Menschen bewundern den Wohlstand, die Unabhängigkeit, die direkten Demokratie und die Schokolade des Alpenlandes.

Viele Deutsche und Europäer möchten gerne Schweizer sein. Nur die Schweizer möchten das nicht. Die Schweizer möchten für sich sein.

Damit das so bleibt, bauten die Schweizer Barrieren um sich herum auf. Zuerst bauten sie eine geografische Barriere: die Alpen.

Als der Deutsche die Alpen endlich bezwang, bauten sie eine neue Barriere: die Wissensbarriere.

Der Schweizer Wohlstand basiert auf Wissen. Die Schweizer wissen alles und behalten alles Wissen für sich.

In der Schweiz gilt das Bankgeheimnis. Die FIFA, mit Sitz in Zürich, ist der geheimnisvollste und intransparenteste Großkonzern der Welt. Und das geheime Wissen, wie wirklich gute Schokolade entsteht, ist bei den Eidgenossen ebenfalls sicher.

Die Schweizer lassen sich nichts sagen und kochen ihr eigenes Süppchen.

Das gilt übrigens auch beim Sport. Ich stelle Dir nun einen uralten, geheimen Schweizer Nationalsport vor, den ich bis vor kurzem noch nicht kannte und dessen Geheimnis ich nun lüften werde.

Schwingen, der Nationalsport schlechthin

Bei unserem diesjährigen Streifzug durchs Zürcher Oberland besuchten wir ein Schwinget.

Bei einem Schwinget wird geschwungen. Schwingen ist bei den Eidgenossen sehr beliebt und es gibt unendlich viele Schwinger-Clubs in der Schweiz.

Wenn Du jetzt auf schlüpfrige Gedanken kommst, ist das zwar gut für Dein Gedächtnis, denn nach neuesten Erkenntnissen der Gehirnforschung fördern sexuelle Gedanken die Hirnleistung, mit Schwingen haben solche Gedanken aber absolut nichts zu tun.

Schwingen ist ein Schweizer Nationalsport. Ich würde es als Ringen im Kartoffelsack bezeichnen. Die Eidgenossen nennen es auch Hosenlupf.

Der nationale Schwinger-Meister ist in den Alpen so etwas wie ein Halbgott. Er wird in etwa so verehrt wie Manuel Neuer in den deutschen Kindergärten oder wie Angela Merkel in der CDU.

Außerhalb der Schweiz kennt ihn aber keine Sau.

Schwingen

Schwinget in Pfannenstiel

Das alles hörte sich für mich sehr faszinierend an. Also tarnte ich mich als Schweizer und schlich mich heimlich unter die Zuschauer des Pfannenstiel-Schwinget.

Meine Tarnung flog sofort auf. Als ich mir eine Bratwurst bestellte, musste ich mir erst die unterschiedlichen Würste im Angebot erklären lassen.

Die Einheimischen merkten gleich, dass ich von außerhalb kam.

Dabei musste ich mal wieder feststellen, dass die Schweizer gar nichts gegen Dich als Deutschen haben – es sei denn Dein Name ist Wolfgang Schäuble oder Peer Steinbrück.

Im Gegenteil: der Schweizer ist sehr nett, sympathisch und erklärt Dir sogar gerne das Geheimnis des Schwingens – ohne Dich danach zum Schweigen bringen zu müssen.

Ich glaube das Problem mit Schweizer-Vorurteilen basiert auf deutscher Unwissenheit.

Das ist mit der deutschen Meinung über andere Nachbarn, wie beispielsweise die Polen, ähnlich. Ich kenne einige Polen – das sind echt nette Leute mit hoher Fachkompetenz. Doch in Deutschland wissen das viele Leute einfach nicht. Beispielsweise beim Wodka; da macht den Polen keiner was vor.

Aber zurück zum Pfannenstiel-Schwinget.

Das Schwinget dauert den ganzen Tag. Die Schwinger absolvieren mehrere Runden und jeder Teilnehmer erhält für einen Sieg eine gewisse Anzahl an Punkten.

Es gibt keine Ausscheider. Verlierer dürfen in der nächsten Runde weiter schwingen und erneut Punkte sammeln.

Bevor eine Runde startet, feilschen die Team-Manager darum, wer gegen wen kämpft. Das läuft so ähnlich ab wie auf einem Pferde-Basar:

„He Fabio, meine Nummer Eins gegen Deine Drei?“

„Aber nur wenn meine Vier gegen Deine Sechs kann!“

„Spendierst mir noch ’nen Apfelmost, dann passts!“

Da liegt die nächste Schweizer Besonderheit: Bier ist hier nicht so der Hit!

Beim Pfannenstiel-Schwinget gab es wirklich leckeren Apfelmost – mit und ohne Alkohol. Schmeckt sehr lecker.

Der Wettkampf

Der Wettkampf selber findet im Freien statt. Geschwungen wird auf einer runden Fläche mit circa 10 Meter Durchmesser.

Die ganze Fläche ist mit Sägespäne abgestreut und so sehen die Schwinger dann auch aus:
Schwinger mit Sägespäne im Gesicht

Beide Athleten tragen eine kurze Hose, die an einen Kartoffelsack erinnert.

In der Ausgangsposition greifen sich die Schwinger gegenseitig an die Kartoffelsäcke und versuchen den Gegner nach dem Startsignal aufs Kreuz zu legen.

Besser ausgedrückt: aufs Kreuz zu schwingen.

Gewonnen hat der Schwinger, der seinen Gegner mit beiden Schulterblättern oder wenigstens mit zwei Dritteln des Rückens auf den Boden wirft. Dabei muss eine Hand im Kartoffelsack des Gegners stecken.

Nach dem Kampf klopft der Sieger dem Verlierer als Zeichen des Respektes die Sägespäne vom Rücken.

Die Teilnehmer, die am wenigsten auf dem Rücken lagen, stehen im Finale.

In Pfannenstiel schafften das Roman Schnurrenberger und Tobias Riget, der dann auch das Schwingen gewann.

Siegerpreis

Was Tobial Riget in Pfannenstiel als Siegespreis bekommen hat, kann ich nicht sagen.

Auf Wikipedia habe ich aber diesen tollen Satz gefunden:

„Erfolgreiche Schwinger erhalten keine Preisgelder, sondern Naturalpreise vom „Gabentisch“, traditionellerweise Kuhglocken (Treicheln) und Bauernmöbel, der Hauptpreis ist oft ein Muni.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Schwingen, Abruf: 28.05.2015)

Ein Muni ist übrigens ein Rind.

Schwingertypen

Während ich den durchtrainierten Athleten beim Schwingen zu sah, sinnierte ich darüber nach, was die Schwinger so für Leute sind.

Auf der deutschen Wikipedia-Seite fand ich dann eine sehr lustige Antwort:

„Schwinger sind […] überdurchschnittlich häufig in Berufen tätig, die eine gewisse Körperkraft verlangen, solches sind Käser, Metzger oder Schreiner.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Schwingen, Abruf: 28.05.2015)

Der typische Schwinger ist also Metzger?

Unabhängig von ihrem Beruf lassen sich die Schwinger in zwei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe bilden die Sennenschwinger, die zweite Gruppe die Turnerschwinger. Man unterschiedet sie durch ihre Kleidung.

  • Die Sennenschwinger tragen dunkle Hosen und bunte Hemden. Sie sind Mitglied eines reinen, traditionellen Schwingervereins.
  • Die Turnerschwinger tragen weiße Hosen und Hemden. Sie sind Mitglied in einem Turnverein.

Sennenschwinger und Turnerschwinger

Beim Pfannenstiel-Schwinget haben Schwinger beider Gruppen teilgenommen. Ob das allerdings immer so ist, kann ich nicht sagen.

Weitere geheime Nationalsportarten, die nur die Schweizer kennen

Neben dem Schwingen kennt der Schweizer übrigens noch zwei weitere Nationalsportarten: das Hornussen und das Steinstossen.

Es sind ebenfalls zwei Sportarten, die außerhalb der Schweiz kein Mensch kennt. Da haben wir sie dann doch wieder, die Schweizer Geheimnisse.

Beste Grüße,
dombim

5 Kommentare

  1. Interessant… 🙂

  2. @Jan danke 😉

  3. gruezi miteinand! Turnerschwinger …ist das eine schweizer sportart?

    hehe die schweizer sind immmer für einen scherz zu haben. ich beneide die schweizer auch um den franken

  4. Ja @Henna, da hast Du wohl recht 😉

  5. Echt interessant, fahre am Wochenende öfters mal in die Schweiz. Was mir besonders aufgefallen ist, ist dass die Schweizer sehr viel gesprächiger sind als die Deutschen. Ich finde das absolut super!

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