Das Mittelalter beginnt in Dippoldiswalde

Apr 19


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Hallo Lässige(r),

ich hatte es angekündigt: Dieses Jahr begebe ich mich thematisch auf eine Reise tief ins Mittelalter!

Wenn Du mit mir kommst, lernst Du viele kuriose Dinge. Versprochen!

Da die Reise zurück ins Mittelalter mehrere Jahrhunderte dauert, was im hektischen 21. Jahrhundert ziemlich lange ist, habe ich sie in zwei Artikel aufgeteilt.

Heute startet die Reise. Sie führt uns von Dippoldiswalde über Jerusalem bis in die Mongolei.

Nächste Woche geht die Reise dann weiter zu einem englischen Ritter, der an Wayne Rooney erinnert.

Doch zu einer erfolgreichen Reise gehört erst einmal eine gründliche Vorbereitung!

Vorbereitung auf die Zeitreise ins Mittelalter

Damit ich fachlich gut auf das Mittelalter eingestimmt bin, habe ich mein Schulwissen durch die Literatur zweier Fachbüchern aufgefrischt und bereichert.

Zum Einen handelt es sich dabei um das Spielgel-Sonderheft „Die Menschen im Mittelalter“. Und zum Anderen um das Buch „Die Staufer und ihre Zeit: Leben im Hochmittelalter“.

Soviel kann ich durch das Lesen dieser beiden Werke schon mal vorweg nehmen: Das Mittelalter war nicht dunkel, sonder bunt und von unglaublicher Weisheit! Was in den beiden Werken für verrückte Sachen drin stehen, wirst Du kaum glauben!

Das Mittelalter beginnt in Dippoldiswalde

„Der Weg ins Mittelalter führt über einen Parkplatz am Rande der sächsischen Kleinstadt Dippoldiswalde, vorbei an einem Dixi-Klo.“ [1]

Als ich das las, war das für mich eine riesige Überraschung! Eigentlich meint der Autor, dass es dort in einen mittelalterlichen Stollen geht.

Dennoch assoziierte ich Dippoldiswalde noch nie mit dem Mittelalter. Doch schnell lernte ich, dass geografisch das so genannte dunkle Mittelalter bunt durcheinander gemischt war.

Auf Sizilien lebten beispielsweise Wikinger. In England herrschten Franzosen die aber keine wirklichen Franzosen, sondern ebenfalls Wikinger waren. Der Norden von Frankreich war englisch, weil da die Franzosen herkamen, denen England gehörte und die gar keine richtigen Franzosen sondern Wikinger waren.

In Italien herrschte der Deutsche Kaiser Friedrich II (1194 bis 1250), der gleichzeitig König von Jerusalem war. In Osteuropa begann die Mongolei und Amerika gab es noch gar nicht.

Kaum zu glauben, oder? Aber an was glaubten die Leute im Mittelalter eigentlich? Ich erkläre es Dir im nächsten Abschnitt.

Kaum zu Glauben

Glauben und Religion spielten im Mittelalter eine sehr wichtige Rolle, egal ob Du Bergmann in Dippoldiswalde oder König in Jerusalem gewesen bist.

Zum Glauben zählten im Mittelalter vier wesentliche Dinge:

  1. der Aberglaube
  2. Dingen, die die Kirche erzählt
  3. die Apokalypse
  4. die Heiligenverehrung

1. Der Aberglaube

Der Aberglaube hatte wahrscheinlich den stärksten Einfluss beim Bauern. Wenn ihm ein Baum aufs Feld krachte und dabei noch seinen Ochsen erschlug, dachte er vermutlich, das sei Gottes Strafe dafür, dass er letzte Nacht die Magd bestiegen hatte.

Wenn dem Mönch ein Baum in den Klostergarten krachte, dachte er wahrscheinlich es sei die Strafe, weil er letzte Nacht seinen Bruder…

2. Was die Kirche erzählt

Kirche Merseburg
Das mit der Kirche ist ein bisschen komplizierter. Hier gibt es mehrere Ebenen.

Auf der obersten Ebene steht der Papst. Er predigte, wobei auch öfters gegen den Kaiser gewettert wurde, und der Rest des Abendlandes hörte zu. Mit Ausnahme des Kaisers: Der ernannte einen Gegenpapst, der das erzählte, was der Kaiser hören wollte.

Eine ebene darunter waren die Bischöfe. Sie interpretierten die Predigten der Päpste auf ihre eigene Weise. Nach ihren Interpretationen musste der Adel der Kirche noch mehr Land und Macht geben – egal was die beiden Päpste eigentlich gesagt hatten. Da der einfache Adlige keinen Gegenbischof ernennen konnte, zahlte er.

Dann gab es die Dorfpfaffen und Wanderprediger. Sie predigten zum einfachen Volk. Das Ganze auf Latein, was sie aber gar nicht konnten. Da das einfache Volk aber ebenfalls kein Latein sprach, fiel es nicht einmal auf.

Und schließlich gab es noch die Klostergemeinschaften. Diese Gruppen religiöser Eliten teilt sich in zwei Lager auf.

Zum Einen waren da die Adelsklöster. Sie standen den Bischöfen nahe und die Mönche aus adligem Hause beschränkten sich zeitlebens auf ihre drei eigenen Tugenden: Beten, Singen, Weintrinken.

Das zweite Lager bestand aus Bettelorden wie beispielsweise den Franziskanern. Ihr Gründer Franz von Assisi (1181 bis 1226) war ein richtiger Rebell unter den Klerikern, da er Verzicht und Demut predigte. Was die weintrunkenen Brüder aus den Adelsklöstern wohl davon gehalten haben?

3. Die Apokalypse

Apokalypse, der Vorhof zur Hölle
Hier sind wir wieder bei den Mongolen. Der kluge Papst Gregor IX. (1167 bis 1241) erkannte in dem Reitervolk die apokalyptischen Reiter und nannte sie deswegen „Tartaren“, was so viel bedeutet wie die, die aus der Hölle kommen.[2]

Dem einfachen Mann war die Hölle bis ins Hochmittelalter übrigens ziemlich egal. Das änderte sich schlagartig im Jahre 1215 als die Kirche ein neues Marketinginstrument einsetzte, die Pflichtbeichte.[3]

Durch die Pflichtbeichte änderte sich das Wesen des Menschen und er entwickelte dieses nervende, unsichtbare Organ namens Gewissen.

Mit der Entdeckung es Gewissens war der erste Teil der kirchlichen Marketingstrategie erreicht. Später folgte der zweite Teil, der sich richtig auszahlen sollte: der Ablasshandel.

4. Die Heiligenverehrung

Ja, auch Heiligenverehrungen gab es schon im Mittelalter.

Was für unsere Eltern Jürgen Sparwasser und der Sieg über den Kapitalismus mittels eines einzigen Tores oder für unsere Kinder Manuel Neuer mit dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft ist, waren damals Menschen wie Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) oder Elisabeth von Thüringen (1207 bis 1231).

Die damaligen Heiligen setzten sich für Arme oder Waisen ein und versuchten die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Es gelang nicht.

Dennoch wurden sie verehrt. Heiligenverehrung im Mittelalter konnte teilweise radikale Ausmaße annehmen, wie die Beisetzung der Elisabeth von Thüringen erkennen lässt:

„Pilger und Verehrer strömen herbei, um Abschied zu nehmen, und viele von ihnen wollen die Kapelle mit einem persönlichen Andenken verlassen. Die Reliquienjäger schneiden nicht nur Stücke aus dem Leichentuch der Toten, sie reißen ihr auch Haare aus, trennen Fingernägel ab und machen selbst vor Ohren, Fingern und Brüsten nicht Halt.“[4]

Doch nicht nur der Glaube und die Heiligenverehrung spielten im Mittelalter eine zentrale Rolle. Auch die Wissenschaft war weiter entwickelt als es das Gerücht vom dunklen Zeitalter ahnen lässt. Erfahre mehr darüber im nächsten Abschnitt.

Wissenschaft: Sexualkunde, eine runde Erde und Lachforschung

Immer auf der Suche nach neuem Wissen war die eben erwähnte Hildegard von Bingen. Sie war eine Heilkundige und schrieb allerlei wissenschaftliche Erkenntnisse nieder.

Auch beim Thema Sexualkunde forschte die Äbtissin. Sie kannte feuchte Träume und wusste, „dass das weibliche Ejakulat im Verhältnis zum männlichen so viel sei ‚wie ein Bissen im Vergleich zum ganzen Brot'“.[5]

Und auch bei anderen Fragen war man im Mittelalter schon weiter als viel heute glauben. Erklär mal den Menschen aus dem Mittelalter, dass die Erde eine Scheibe ist. Mit Ausnahme von drei Außenseitern würden sie dich alle auslachen![6]

Ein zentraler Punkt der mittelalterlichen Wissenschaften drehte sich übrigens ums Lachen.

Gelehrte beschäftigten sich mit Fragen wie „Hat Jesus je gelacht? Und wenn ja, lachte er nur, als er klein war?“ [7]

Erinnert mich irgendwie an Umberto Ecos Der Name der Rose.

Lachen im Mittelalter
Ein Förderer der Fröhlichkeit war übrigens der Französische König Ludwig der Heilige (1214 bis 1270). Er beschloss, nur noch am Freitag auf das Lachen zu verzichten, da Christus an einem Freitag gekreuzigt wurde. [7] Leider gab es von Freitagen schon im Mittelalter ziemlich viele.

Resümee

Du siehst also, das Mittelalter war gar nicht so finster und dunkel wie es uns immer gesagt wird und wie es beim Einstieg in den alten Schacht in Dippoldiswalde auf dem ersten Blick wirkt – zugegeben: die Beisetzung Elisabeths war eine wirklich düstere Ausnahme!

Das Mittelalter war multikulti mit Wikingern und Mongolen; mit Franzosen und Engländern; mit Deutschen und Italienern – und mit mehreren Päpsten gleichzeitig.

Die Apokalypse interessierte lange Zeit niemanden, die Erde war noch keine Scheibe und in den Klöstern wurde Sexualkunde erforscht. Meistens zur Nachtzeit.

Und wenn Tags drauf ein Baum im Klostergarten umstürzte, wussten Nonnen und Mönche das sie bei ihren Forschungen zu weit gegangen waren.

Aber das Mittelalter hatte noch mehr zu bieten. Natürlich war nicht alles Sonnenschein! Doch dazu mehr im nächsten Teil. Dann geht es unter anderem um einen Ritter, der Gemeinsamkeiten mit Wayne Rooney hatten.

Und wenn Dir mein kleiner Ausflug ins Mittelalter gefallen hat, würde ich mich freuen, wenn Du den Artikel in Deinen sozialen Netzwerken teilst.

Liebe Grüße,
dombim

Quellenangabe

[1] Winter, Steffen: „Befallen vom Berggeschrey“ in DER SPIEGEL Geschichte, S.95, SPIEGEL Verlag, Januar 2015
[2] Klussmann, Uwe: „Agenten in Gottes Namen“ in DER SPIEGEL Geschichte, S.76, SPIEGEL Verlag, Januar 2015
[3] „Wofür war das jetzt die Strafe?“ Interview mit Prof. Marina Münkler in DER SPIEGEL Geschichte, S.54, SPIEGEL Verlag, Januar 2015
[4] Klein, Charlotte: „Heilige der Armen“ in „Die Staufer und ihre Zeit, Leben im Hochmittelalter“, S.138, Deutsche Verlags-Anstalt, München, 1. Auflage 2010
[5] Bruhns, Annette: „Posaune Gottes“ in „Die Staufer und ihre Zeit, Leben im Hochmittelalter“, S.281, Deutsche Verlags-Anstalt, München, 1. Auflage 2010
[6] „Weltbilder“ in DER SPIEGEL Geschichte, S.64, SPIEGEL Verlag, Januar 2015
[7] Kronsbein, Joachim: „Lachen wie der Teufel“ in DER SPIEGEL Geschichte, S.98, SPIEGEL Verlag, Januar 2015


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